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Stadtliches Grün

Fenna Tinnefeld

“Stadtliches Grün“ befasst sich mit der innerhalb der letzten Jahre entstandenen Landschaftsarchitektur im städtischen Raum. Es werden Projekte gezeigt, die sich in das bereits bestehende urbane Gefüge eingliedern und auf ihren historisch und kulturell geprägten Standort Bezug nehmen. Der Titel soll selbstverständlich auch auf die Gelungenheit der präsentierten Entwürfe hinweisen, die vorbildhaft für ein breites Spektrum an landschaftsarchitektonischen Beiträgen zur Stadtentwicklung stehen.

Der Begriff “Grün“ steht hier stellvertretend für die Freiraumplanung und umfasst in diesem Sinne sowohl Projekte mit einem größeren Einsatz von Pflanzen als auch Entwürfe, bei denen der botanische Aspekt eine untergeordnete Rolle spielt. Diese Publikation erscheint vor dem Hintergrund der wachsenden Präsenz der Landschaftsarchitektur in unserer heutigen Gesellschaft, in der sie zunehmend an Stellenwert, Charakter und Akzeptanz gewinnt. Immer öfter wird der Wunsch nach Erholung, Ruhe und Entschleunigung im unmittelbaren urbanen Umfeld laut und auch global stehen ökologisch und klimatisch orientierte Konzepte vermehrt im Fokus der politischen Debatten. Grüne Naherholungsflächen sollen einen Teil dieser Ansprüche auffangen – sie ergänzen das Stadtbild, werten vernachlässigte Zwischenräume wieder auf und können als Forum nachbarschaftlichen Zusammenlebens fungieren. Proportional zum allgemeinen Interesse an diesen Themen ist auch die Anzahl der Veröffentlichungen zu Landschaftsarchitektur und vor allem an Garten- und Landwirtschaftsmagazinen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, wie die Regale der Buchhandlungen und Zeitschriftenläden zeigen. Dieses Buch versteht sich weniger als eine weitere populärmediale Antwort auf dieses Interesse, sondern soll vielmehr zu den journalistischen Auseinandersetzungen ein eher fachlich orientiertes Gegenwicht setzen, das sowohl für praktizierende LandschaftsarchitektInnen und Studierende der Landschaftsarchitektur, als auch für Laien und Interessierte einen tieferen Einblick in die Materie bietet. Die Intention dieses Formats ist es, die Vielfalt der innerstädtischen Landschaftsarchitektur zu zeigen und die Wahrnehmung für den öffentlichen Raum und dessen Gestaltung zu stärken. Die Landschaftsarchitektur umfasst eine große Anzahl an Fachgebieten und ist somit im Alltag omnipräsent: Jede Stadt, jedes Dorf, jeder Sportplatz, jeder Pflasterstein gehört mit in das Aufgabengebiet von LandschaftsarchitektInnen. In diesem Band werden die individuellen Fertigkeiten der PlanerInnen gezeigt, Zwischenräume neu zu interpretieren und diese für ein breites Publikum durch hohe Gestaltungsqualität und Nutzungsvielfalt zugänglich zu machen. Die Herausforderung hierbei besteht nicht nur in der Schlüssigkeit des Entwurfs, sondern benötigt eine umfassende Beschäftigung mit Schlüsselaspekten der Stadtplanung wie demographischem Wandel, kulturellem Zeitgeist und standortgerechter Materialwahl. Für den urbanen Raum ist außerdem die Funktionalität des geschaffenen Ortes ein entscheidendes Kriterium.

Oase22
Oase 22, Rajek Barosch Landschaftsarchitektur

Beispielhaft hierfür kann das Projekt „Oase 22“ stehen, bei dem das Planungsareal unmittelbar von Hochbau umgeben ist. Themen wie Zugänglichkeit, Erschließung, Park- und Spielmöglichkeiten mussten beachtet und in einen möglichst ansprechenden Entwurf für Mieter und Vermieter umgewandelt werden. Die Kunst, auf kleinem Raum eine praktikable, innovative, einladende und kostengünstige Lösung zu finden, die allen Anforderungen gerecht wird, kann hier exemplarisch abgelesen werden.

Wie bei den übrigen in diesem Band aufgeführten Projekten zeigt sich hier gelungene freiraumplanerische Arbeit mit all ihren Herausforderungen und ihrem kreativen Potenzial. Exemplarische Events, wie die Internationale Gartenschau in Hamburg Wilhelmsburg oder die Landesgartenschau in Mühlacker, verschaffen der Landschaftsarchitektur einen hohen Stellenwert in der Stadtentwicklung des jeweiligen Standorts. Derartige Großprojekte mobilisieren finanzielle Zuschüsse, wie sie in solchem Ausmaß selten für urbane Freiraumplanung zur Verfügung stehen und ermöglichen es PlanerInnen, aktiv zur Verbesserung von Quartieren beizutragen. In Hamburg beispielsweise benötigte die Elbinsel Wilhelmsburg eine Aufwertung, um als umgestaltetes Wohnviertel attraktiver zu werden und den Stadtteil wieder enger an die Großstadt anzuschließen. Es konnten Freiräume geschaffen werden, die sonst nicht hätten realisiert werden können. Die geschaffenen Parks konnten auch nach Beendigung des Events bestehen bleiben und stärken nun weiterhin den Aufenthaltswert und das Zusammengehörigkeitsgefühl der AnwohnerInnen des Viertels Wilhelmsburg. Der Effekt der gelungenen Nach- und Weiternutzung von entworfenen Grünflächen spielt eine wesentliche Rolle in der Planung solcher Großprojekte. Die BürgerInnen sollen sich mit dem neu entstandenen Ort identifizieren können, Verantwortung für ihn übernehmen und somit auch das soziale Miteinander eines Viertels unterstützen.

RMP Stephan Lenzen
Hier beispielhaft der Entwurfsplan (Stand 2010) von RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten für die Internationale Gartenschau 2013 in Hamburg Wilhelmsburg

Aus dem sich stetig im Wandel befindenden Zeitgeist erwachsen täglich neue Nutzungsansprüche und veränderte Umgangsformen mit urbanen Räumen. Sportliche Trends der jungen Vergangenheit brachten eine Vielzahl an neuen Sportarten, -geräten und dafür benötigte Freiflächen mit sich. In der Landschaftsarchitektur müssen derartige Strömungen nicht nur nachvollzogen, sondern vor allem in ihren räumlichen Ansprüchen und ihrer gesellschaftlichen und zeitlichen Relevanz bewertet werden können. Ob eine neue Jogging- und Walkingstrecke, ein Skatepark, eine Kletterwand oder eine Slacklineanlage gewünscht ist und später ausreichend genutzt werden würde, wird nicht zwangsläufig direkt an die Planungsbüros herangetragen und verlangt den LandschaftsarchitektInnen ein Gespür für Trends und eine besondere Sensibilität für alle potenziellen Nutzer eines Freiraums ab.

Toni Areal, Studio Vulkan
Studio Vulkan Landschaftsarchitektur haben bei dem Projekt »Toni Areal« mit vorkultivierten Stauden, Kräutern und Kleingehölzen gearbeitet

Die kulturellen Entwicklungen der letzten Jahre haben allerdings nicht nur neue sportliche Aktivitäten mit sich gebracht, die das Stadtbild beeinflussen; auch Urban Gardening-Projekte haben sich exponentiell vermehrt und zeugen von einem neu aufkeimenden allgemeinen Interesse an landwirtschaftlicher und gärtnerischer Betätigung. Moderne Entwürfe nehmen auch hierauf Bezug und schaffen dezidierte Orte zur gemeinschaftlichen Gartenarbeit. Denn wenn sich auch das klassische Kleingartenkonzept wieder neuer Beliebtheit erfreut, ist es vor allem der gesellschaftliche Aspekt, welcher der neuen Gartenbewegung zugrunde liegt. Kultur-, Ideologie- und generationsübergreifende Personengruppen verbindet ein neues ökologisches Bewusstsein, von dem oben bereits die Rede war und das in zeitgenössische landschaftsarchitektonische Entwürfe mit einfließt. Auch die improvisierte Formsprache des Urban Gardenings hat bereits die tradierten gestalterischen Mittel der PlanerInnen um neue Elemente erweitert, wie beispielsweise an dem gezielten Einsatz verfallender hölzerner Pflanzkästen in dem Entwurf von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur zu erkennen ist. Auch die Aspekte von zeitlich begrenzten Projekten, die eine Brachfläche oder eine urbane Transitzone mit einer freiraumplanerischen Zwischennutzung bespielen und zumeist direkt aus Initiativen der BürgerInnen erwachsen, hat die Landschaftsarchitektur um spontane und temporäre Entwürfe bereichert und so dynamischer und vielseitiger gemacht. Auf den folgenden Seiten sollen die zahlreichen Facetten landschaftsarchitektonischer Betätigungsfelder anhand der ausgewählten Projekte beleuchtet und die Vermittler-Rolle erkennbar werden, die LandschaftsarchitektInnen in der Stadtplanung einnehmen. Ökologische, ökonomische, kulturelle und fachliche Faktoren müssen in Einklang gebracht und Konsens unter Architekten, Bauherren, Anwohnern und Politikern erzielt werden.

Mit diesem Blick auf ihren Wirkungsbereich könnte Landschaftsarchitektur immer als eine Arbeit im „Dazwischen“ verstanden werden, die sich nicht nur ganz grundlegend im Zwischenraum architektonischer Objekte abspielt, sondern sich auch im übertragenen Sinne im Freien befindet, wo Menschen jeden Alters mit all ihren individuellen Eigenheiten aufeinandertreffen und in ihrer Gesamtheit einen Kulturraum prägen.